Anstatt am Glockenspiel, am Rädchen des Verstands gedreht – Kommentar zur Design Biennale Zürich 2019

Nachdem mich zu meinem Erstaunen doch einige Besuchende der Pop-up Conference der Design Biennale 2019 auf meinen Kommentar zur Edition von 2017 angesprochen haben, könnte man meinen, ich würde den diesjährigen Text mit mehr Bedacht und diplomatischem Feingespür schreiben. So viel kann ich versprechen: nichts davon liegt in meiner Absicht. Ganz im Gegenteil: eigentlich ist es gar nicht meine Absicht gewesen, einen weiteren Kommentar zu verfassen. Doch kann ein Autor (meine Kolleg*innen an der Hochschule Luzern — Design und Kunst werden sich bei diesem Begriff wohl ein Schmunzeln kaum verkneifen können) … kann ein Autor seine Leserschaft derart enttäuschen? Es wäre doch, wie eine Biennale ohne zweite Edition!

Als Einleitung zu diesem Kommentar ein paar Worte zum Autor und besseren Verständnis: entlang meiner eigenen Praxis als Innenarchitekt, Forscher und Dozent hat sich meine persönliche gestalterische Haltung an einem Punkt eingependelt, der sich ausschliesslich an der Frage orientiert, welche Relevanz oder welchen Impact eine gestalterische Intervention im Anwendungskontext der Auftraggebenden und in den konkreten Lebenssituationen der betroffenen Menschen oder Menschengruppen entwickeln kann. Ausschluss anderer Haltungen als Prinzip – zugegeben eine engstirnige Position. Doch habe ich feststellen müssen, dass es in unserer Disziplin genau an Ausschluss zugunsten von Haltung fehlt und «Design» kaum überschaubar bleibt, hat man nicht handfeste Regeln parat, um der wachsenden Konfusion zu begegnen. Das Paradebeispiel: die internationalen Designwochen, Designtage, -sprints und -marathons, die am einen Ende des Spektrums kaum unterscheidbar bleiben von gleichnamigen Kunstmessen und sich am anderen Ende prinzipiell auch Management- und Wirtschaftsforen nennen könnten (mit der Ausnahme, dass die tatsächlichen Wirtschaftsforen es nicht nötig haben etwas «auszustellen») – ja und dazwischen immer noch das geliebte Kunsthandwerk und die Freude daran dieses Design zu verschenken, verkaufen oder schlicht im Rahmen der genannten Events unter die Leute zu bringen.

Doch zurück zur Frage nach Relevanz und Impact: Würde man diese Frage nun ebenfalls am äusseren Ende einer Skala verorten, so läge am entgegengesetzten Pol die Ablehnung jeglicher Auswirkung oder Relevanz und die Mitte dieser Skala wäre davon geprägt, dass im Barthes‘schen Sinne Wirkung oder Bedeutung erst bei der Betrachtung oder Verwendung durch die Nutzenden entsteht. Letztere beiden Haltungen sind sicher nach wie vor gut vertreten auf der Design Biennale Zürich und das mag gut sein so; spiegeln die entsprechenden Arbeiten offensichtlich wider, was am Standort Zürich an der Designhochschule vermittelt wird. Aus meiner bewusst eng gefassten Haltung heraus macht sich jedoch im Rahmen der Biennale immer noch eine Lücke bemerkbar: dort wo es darum ginge, Designprojekte zu diskutieren, die durch Anwendungsorientiertheit und Relevanz geprägt sind und nicht nach Wirkung bei den Betrachtenden haschen, sondern diese dort entfalten, wo das Projekt verortet ist.

Jene, welche die angesprochene Lücke dieses Mal am ehesten zu füllen wussten, waren aus meiner Sicht die Vertretenden der Game Gemeinschaft – zählt sie doch international zu einer der wachsenden Branchen und ist dabei in der Schweiz gar gut vertreten. Daher nebst einem Dank ans OK der Biennale für die Müh‘, mein Dank an die Gamegestaltenden, die das Publikum mit ihrer Vielfalt an Vorschlägen zur Interaktion einluden. Gar Gleiches versuchte das Hochglanzglockenspiel in den SBB Werkstätten, das «ring the bell» schreiend zum Biennalemotto «PLAY» aufrief. Rief es bei mir als kritischen Betrachter doch nichts anderes als ein oszillierendes Rauschen zwischen Gleichgültigkeit und Anwiderung hervor — die Hochschule, die sich einst durch den jüngst verstorbenen Pierre Keller zu den weltweit renommiertesten ins Hochgeschoss der Kunst- und Designausbildung emporarbeitete, stürzt ab! Und das per Knopfdruck ins Kellergeschoss der Banalität. Wer profitiert, wem nützt und hilft das Glockenspiel, wenn nicht dem harschen Kritiker, der oder die unsre schöne Disziplin ohnehin mit argem Auge dem Überfluss zuordnet? Genauso wenig nützen starre Stahlträger, die schwarz über kalte Kohlen führen oder bunte Fussmatten im warmen Kies des botanischen Gartens.

Doch halt: das Erlebnis zählt! — ein Versuch des Arguments für ein Design, dass sinnbefreit zum Mitmachen, «Co-kreieren» oder Nachahmen auffordert. Ist es gar so schlimm? Vermutlich nicht; entsteht doch hoffentlich so auch ein Austausch mit denen, die bisher noch nichts gehört vom Design oder dieses ausschliesslich den Blüten der Schweizer Plakatkultur zugeordnet hatten. In diesem Sinne weicht die Biennale auf — nicht nur den Begriff des Designs, sondern auch die Grenzen, zwischen jenen, die sich selbst Designer*innen nennen und jenen, die es nicht tun. Ganz persönlich fühle ich mich angesichts dieser weichgespülten Wäsche, die vermehrt auf den aufwändig gesponnen Leinen von Designausstellungen zur Schau gestellt werden, immer mehr versucht, mich der zweiten Gruppe anzuschliessen.

Doch werfen wir einen genaueren Blick darauf, was in meinem Kommentar zur Edition Eins der Zürcher Design Biennale mein Hauptkritikpunkt gewesen ist: der fehlende Austausch zwischen der Designcommunity und den Designlaien oder einfach gesagt «normalen Menschen». Zwei Jahre später – die Hornbrillen sind dem Trend des feinen Metallgestells gewichen – ist es immer noch schwer zu identifizieren, wer nicht zur «Familie» gehört und wie viele Nicht-Gestaltende tatsächlich von der Biennale vernommen haben oder diese besuchten. Tatsache ist jedoch: es gibt sie — zum zweiten Mal — die Biennale und die Wahrscheinlichkeit, dass man darüber spricht verspricht zu steigen.

Gesprochen und gesprochen lassen wurde auch viel auf der Pop-Up Conference, die nach wie vor zum eigentlichen Besuch der Biennale dazu gebucht werden muss. Eine Tatsache, welche die Hemmschwelle, sich dem exklusiven Kreis der Designfamilie anzuschliessen sicher nicht sonderlich senkt. Diesmal zumindest örtlich vom Korsett der Hochschule der Künste befreit, durfte ein Dreigestirn aus Referierenden im Vortragssaal des Museums für Gestaltung reden. Anmoderiert von einem animierten Skript: ein projiziertes Konterfei, das gut getaktet Fragen stellte und auf den Zeitplan achtete. Inhaltlich sicher ein Moment der Chance für die Biennale, gut genutzt durch die zwei Gäste aus den Niederlanden. Doch gerade der Augenblick des Austauschs, der Diskussion, wich bei aller Faszination für das Technische der programmierten und vorhersehbaren Partitur, indem die Fragen vorformuliert vom besagten Skript gestellt auf ein verstummtes Publikum und die teils ratlosen Podiumsmitglieder prasselten.

Die Biennale ein Skript? Eigentlich schon: in sich stimmig – ob sinnig sei dahingestellt – und doch mit open end oder einer «open world» gleichend, wie man es vielleicht im Gamer Fachjargon bezeichnen würde: ein zeitloses Lustwandeln in der offenen Welt der gestalterischen Möglichkeiten. «Play» hat hier tatsächlich als Programm gegriffen und gut tat es der Biennale einen Schwerpunkt zu haben. Bleibt eine Frage offen: wäre es nicht wert den Schwerpunkt bedachter zu setzen oder das Spektrum beim nächsten Mal zu weiten, zu Gunsten jenes Designs etwa, das human-centred, service-oriented oder socially-relevant im Dienst des Menschen und der Gesellschaft steht? Wäre es an mir — und daher schreib‘ ich — würde ich bei der anstehenden Themenwahl der zuvor angesprochenen Relevanz den Vorzug geben; gerade in Zeiten, in denen es brennt – sozio-politisch, wie in den Wäldern unseres Planeten.

Immerhin: wie auch beim letzten Mal gab es einen «Nebenevent» der Biennale, der überzeugen konnte: wer sich beim Check-in im Museum für Gestaltung einen lästigen Metallclip anheften liess, durfte im Rahmen der ausgesprochen gut kuratierten Ausstellung «SBB CFF FFS» in die retrospektive Welt der Schweizer Bundesbahnen eintauchen. Und siehe da – da waren sie dann auch zu finden: die nicht Gestaltenden! Ein Mix aus Familien, Bahnaficionados und «ganz normalen Leuten» die sich dank eines breit zugänglichen Themas und einer gut umgesetzten Ausstellung nicht nur der Faszination der Schweizer Bahnwerbung oder des Circoramas hingaben sondern tatsächlich auch auf «Exotisches», wie die gestalterischen Richtlinien für die Schweizer Bundesbahnen von Josef Müller-Brockmann einliessen.

Liegt vielleicht gerade darin der Schlüssel zum weiteren Erfolg der Biennale: Themen zu setzen und zu vermitteln, die greifbar und nebst der Designgemeinde auch relevant für andere sind? Oder vielleicht darin, mittels einer gut kuratierten Hauptausstellung Kontext zu schaffen sowie Geschichte und State of the Art des gewählten Themas zu vermitteln? So sehr die Design Biennale bisher an manchen Stellen gleichnamigen Kunstveranstaltungen nacheiferte, so viel könnte sie vielleicht gerade von den grossen Schwestern in Venedig lernen: wer sich nebst der Faszination der im Wind flatternden Wäsche in den engen Calle des Sestiere Castello auch der Hauptausstellung im Arsenale hingibt, bekommt vor allem zweierlei: einen inhaltlichen Kontext und eine Messlatte zugleich. An beidem misst sich anschliessend der Rest des persönlichen Besuchs der Biennale und das regt an zur eigenen Reflektion sowie zum (kennen)Lernen neuen Wissens – meines Erachtens eine sinnvolle Ergänzung zum «Lustwandeln und Erleben».

Nun werden jene, die bis hierhin gelesen haben sagen: einfach zu kritisieren, für den, der selbst nichts gestaltet oder ausstellt. Als Hochschuldozent sind die Früchte meiner Arbeit sicher anderswo zu verorten, als dass ich sie an Designausstellungen zur Schau stellen würde. Doch lade ich an dieser Stelle herzlich zu den Ausstellungen der Arbeiten unserer Studierenden am Master Design Luzern ein – dort stehen sie nämlich im Zentrum der Arbeit: Relevanz und Impact! Oder dazu, das eine oder andere Paper zu lesen, welches sich auf meinem Blog recherchieren lässt. So, wie das Glockenspiel an seinen Schrauben drehen lässt, so sehr fangen diese «Artefakte» – Artikel, Bücher und allgemein gut aufbereitetes Wissen – damit an, an den Rädchen des eigenen Verstandes zu drehen. Eine Fähigkeit, die wir angesichts der technologieaffinen und auf eine «Künstliche Intelligenz» hoffenden Gegenwart nicht vernachlässigen sollten.